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Von der Rodener Gerberindustrie zur Gerberstraße in Roden

 

Beginnen wir damit, was Gerber eigentlich sind und tun. "Mit dem Begriff Gerben und somit dem Namensgeber für den Beruf Gerber bezeichnet man den Umwandelungsprozess von rohen Tierhäuten zu Leder. Dabei wird in einer Gerberei, also einer Lederfabrik, durch den Einsatz von Gerbstoffen das Hautgefüge stabilisiert und damit Leder hergestellt. Das Gerben von Pelzfellen bezeichnet die Pelzbranche als Zurichten, der Gerber von Pelzfellen nennt sich (Pelz-)Zurichter oder Pelzveredler."

Was aus dieser Erklärung leider nicht ersichtlich wird, ist der Geruch, den eine typische Gerberei verbreitet und der noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Doch kommen wir zum Thema zurück. Gerber gab es in vielen Kulturen, zu fast allen Zeiten. Denn, wo Wild war, also der natürliche Hauptrohstoff der Gerber, wollte der Mensch strapazierfähige und witterungsbeständige Kleidung nicht missen. Und hierfür bot sich Leder einfach an. Doch wer Leder herstellt, muss dies auch verkaufen. Typische Abnehmer, und auch daran hat sich eigentlich seit der Zeit der Kelten wenig geändert, sind dabei z.B. Schneider, Schuhmacher und Lederhändler. Vor allem letztere haben die Arbeiten der Gerber im Raum Saarlouis weit über die Stadtgrenzen bekannt gemacht.

Doch betrachten wir die Entwicklung von Beginn an. Bis zum 15. Jahrhundert gab es nur einige wenige Gerber und Kürschner in Wallerfangen, so wie auch in vielen benachbarten Orten auch. Von einer bedeutenden Rolle konnte man wahrlich noch nicht sprechen.

Auch die Gründung einer eigenen Zunft in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts änderte daran nichts. Den rund 80 bis 160 Mitglieder , Ihnen gehörten übrigens Personen aus allen Berufsgruppen der Fell- und Lederverarbeitung an, standen vollkommen ebenbürtig die anderen Zünfte gegenüber und wiesen teils höhere Mitgliederzahlen auf.

Ich erinnere mich noch gut an einen Ausspruch des damaligen Gründers oder vielmehr Initiators eines unabhängigen "Rodener Geschichtskreises", Herrn Peter Konstroffer, auf meine Frage bzgl. der Gerber. "Ha überschätzt, viel zu viele benannt. Traumzahlen. Durch die Bank. Lass das mal 10 Gerber zur selben Zeit gewesen sein." Ich hoffe, ich habe dieses Zitat vom Wortlaut her halbwegs richtig wiedergegeben und das es nicht zu sehr unter der verstrichenen Zeit gelitten hat. Für die inhaltliche Korrektheit verbürge ich mich aber.

Im Jahr 1685 erfolgte vielen Quellen nach die Verlegung der Zunft oder besser der Zunftmitglieder nach Saarlouis, was so natürlich nicht ganz stimmen kann, denn eine Gerberei oder andere Zunftbetriebe packt man nicht mal gerade so ein und zieht damit um. Der tatsächliche Ablauf sah vielmehr so aus, dass die ersten Zunftmitglieder ihre Tätigkeiten schon 1683/84 nach der neu gegründeten Stadt Sarre-Louis verlegten, also der Stadt des Sonnenkönigs an der Saar. Nun endlich, könnte man meinen, begann DIE Zeit der Gerber. Doch weit gefehlt.

Zu aller erst gab es für die Gerber und Kürschner der gemeinsamen Zunft zwei große Probleme. Das erste Problem war der Platzbedarf, den sie zur Ausübung Ihrer Tätigkeiten benötigten. Denn im Gegensatz z.B. zu einem Schneider, brauchte ein Gerber viel Platz für das Auslegen der Häute, die Gerbfässern und die Aufbereitung der Gerberlohe. Und Platz war in der neuen Festungsstadt ein kostbares Gut. Das zweite Problem war das mit den Gerbern und Kürschner einhergehende Nasenrümpfen der feineren Bürger. Und das nicht wegen des Standesunterschiedes, pardon, Standesdünkels, sondern schlicht wegen der Geruchsbelästigung, die nun mal den Betrieben per se anhaftete.

Zurück nach Wallerfangen war aber für die Gerber und Kürschner der Zunft keine echte Alternative, da in der Rodener Gegend ein Ellbach geradezu nach einer Neuansiedlung lockte, denn sein Wasser war gleich zweimal nützlich. Einmal für die natürliche und bequeme Anlieferung des Wassers für die Gerbergruben und den Alltag, zum zweiten als Kraftlieferant in Form von Mühlen in der Lohegewinnung; und selbige erlebte gerade in dieser Zeit und vor allem in Frankreich eine solch beachtliche Verfeinerung, dass französische Emigranten sogar in Berlin hoch im Kurs standen. Dies stellte aber natürlich keine wirklich neue Idee dar, denn Mühlen zu diesem Zweck gab es wahrlich schon einige, nur halt nicht im Raum Sarre-Louis, denn die Idee der Lohgerberei musste dort halt erst ankommen. Langsam aber stetig stieg die Zahl der Zunftmitglieder. Dabei sollte man aber bei Zahlen wie 500 oder 1000 Eintragungen sich immer vor Augen halten, dass dann verstorbene Mitglieder genauso gelistet waren, wie z.B. andere Zunftzweige, die im Produktionsprozess miteingebunden waren, also nicht nur Gerber oder Kürschner.
Abbildung: Deutsch: Kürschnerwerkstatt. Kürschner spannt ein Rohfell zum Trocknen. Im Hintergrund fertige Mützen und Muffs. Auf und unter der Arbeitsplatte Hutblöcke. (aus "Orbis pictus", 1832)

Eine erste entscheidende Zäsur brachten das Jahr 1789, genauer die Jahre 1805/6 und ein flotter Korse namens Napoléon Bonaparte.

Denn im Zuge seines Aufstieges, der französischen Revolution als solcher und seiner "Napis little Europe Tour" änderte sich vieles im heutigen Saarland. Wie man der Wikipedia entnehmen kann, "befreite" obiges Kombipaket zuerst einmal alle Angehörigen von ihren Zünften durch Auflösungsdekret der Nationalversammlung. Eine Katastrophe! Oder doch nicht? Wohl eher nicht, denn durch die Auflösung der Zünfte konnte es nun mehr Meister vor Ort geben, was vorher genausten durch die Zunft reglementiert war. Durch das Wegfallen der offiziellen Preisabsprachen kam es zu mehr Konkurrenz und damit zu mehr Leistungsdruck und Innovation. Der Gerber-/Kürschnerindustrie kam aber noch ein weiterer, nicht zu unterschätzender Glücksfall zu Gute. Denn Napoléon kam nicht alleine. Ihn begleiteten tausend und abertausende von Füßen. Füßen die gerne in Leder gekleidet wurden und manche Füße hatten sogar eine Vorliebe für Halfter und diese müssen nun mal an Ledersatteln befestigt werden. Oh und natürlich nicht zu vergessen die Munitionstaschen, die Kurierbeutel, die Gürtel und die Messer- sowie Bajonettscheiden. Ein typischer Vertreter hatte alles, oder vielmehr benötigte alles, was man dazu brauchte um ein Mitglied der ehemaligen Zunft glücklich zu machen. Und erfreulicher Weise gab es immer mehr von ihnen. Und gleichfalls dankenswerter Weise war Napoléon sogar so nett und führte seine Kriege, von unrühmlichen Ausnahmen wie dem Russlandfeldzug abgesehen, mehr oder weniger um die Ecke. Und selbst bei diesen Ausnahmen erwies sich Napoléon noch immer als netter Auftragsgeber, musste er doch neue Armeen aufstellen, die natürlich noch keine Ausrüstung hatten. Hätte ich damals gelebt und wäre ein ehemaliges Zunftmitglied gewesen, ich hätte stets ein fröhliches "VIVE LA FRANCE, VIVE NAPOLEON" auf den Lippen gehabt. Doch wie alles Gute ging auch diese Zeit vorbei und endete unwiderruflich am 22. Juni 1815 nachdem Napoléon seine Herrschaft der hundert Tage beenden musste.

Nun kamen die Preußen endgültig nach Saarlouis.

Vielleicht hoffte der ein oder andere Gerber und Kürschner darauf, dass alles beim Alten bliebe. Denn Soldat ist Soldat. Leider weit gefehlt. Mit preußischer Gründlichkeit ging man an die Modernisierung der Saarlouiser Festung. Da sich jedoch die Kriegsführung seit dem genialen Sébastien Le Prestre, Seigneur de Vauban, ständig weiterentwickelt hatte, wurde um Saarlouis ein typischer Freistreifen gelegt. Denn jedes Haus, jede Mauer hätten als Deckung für feindliche Artillerie dienen können, jeder Turm für Schützen. Das hört sich nun recht harmlos an. Eingedenk der Tatsache, dass eine Kanone auch schon damals mehrere Kilometer schießen konnte, kann man aber schon die Crux erahnen. Nicht gerade wenige Betriebe lagen in dem Freistreifen und wurden somit abgerissen. Doch sollte man diesen Punkt nun nicht überbewerten.

Denn er war sicherlich nicht ausschlaggebend für den Niedergang der Gerber und anderer Zweige der ehemaligen Zunft.

Diese Ehre gebührt zweien alten, in ihren Produktionsprozessen aber wesentlich modernisierten Industrien, die das Saarland noch lange dominieren sollten: Bergbau und Metallverarbeitung. Denn beide lockten mit wesentlich besseren Aufstiegsmöglichkeiten und mehr Gehalt. Ihr Bedarf an Menschen war zudem enorm. Und so ließ die Zahl der Gesellen von Jahr zu Jahr nach. Nun wäre das aber immer noch kein Grund gewesen, weshalb nicht zumindest eine Restindustrie hätte bleiben können. Denn die Gerber hätten noch immer als Manufakturen mit angegliederter und etablierter Verkaufsstruktur überleben können. Der Konjunktiv passt leider. Denn dies hätte vorausgesetzt, dass die Gerber den entscheidenden Schritt zur Industrialisierung gemacht hätten. Denn die größtenteils rein handwerklichen Produktionsprozesse bedurften noch vieler Menschen und Menschen kosten Geld. Dadurch stiegen die Produktionskosten und somit konnte man mit den billigeren Angeboten anderer deutscher und natürlich auch anderer europäischer Gerbereien irgendwann nicht mehr mithalten.

Aber auch neue Produktionsprozesse setzten den Rodener Lohgerbern zu. So war der Bereich der Schnellgerberei seit ca. 1840 ein Konkurrenzkampf, der nur noch zwischen amerikanischen und englischen Anbietern, ausgefochten wurde . Zudem schrumpfte der Bedarf an Leder kontinuierlich. Wenn ich den Unterlagen Glauben schenken kann, schloss die letzte Gerberei in Roden 1904, deren Besitzer Nicolas Cordier hieß.

Heute ist von der ehemaligen Zunft und vor allem den Gerbern nur eines geblieben: die Gerberstraße.

Auch wenn ich mein Bild von der Bedeutung der Rodener Gerber relativieren muss, bleibe ich im Großen und Ganzen bei meiner kleinen Anregung als Schlusswort: Frankreich prägte für eine doch recht ansehnliche Zeit die Gerbereiproduktion weit über das Rheingebiet hinaus und natürlich das Handwerk im einst französischen Roden selbst. Sollte man deshalb nicht vielleicht eine kleine Infotafel in der Gerberstraße installieren, die einige Erläuterungen dazu gibt?

Dr. Andreas Neumann

 

 

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